Ein Zimmermann in Afrika

Mit 28 Jahren reist Oliver Wetzel nach Tansania, um als Zimmermann und Holzbautechniker seinen Horizont zu erweitern. Ein Rückblick auf ein Jahr im tropischen Archipel Sansibar, wo tagelange Stromausfälle und Baustopps in der Regenzeit niemanden aus der Ruhe bringen.

(Interview Susanne Lieber)

Oliver, du bist 2021 nach Sansibar gegangen, um für das Unternehmen Volks.House Wohnhäuser in modularer Holzbauweise zu bauen. Wie muss man sich das Ganze auf einer tropischen Insel vorstellen? Beschreibe uns doch bitte mal die Gebäude.
Es handelt sich um kleine eingeschossige Einfamilienhäuser mit Pultdächern, wahlweise mit zwei oder drei Schlafzimmern, auf Wunsch auch mit Patio. Eigentlich sehen alle gleich aus. Sie werden in Elementbauweise vorfabriziert. Damit ist Volks.House das einzige Unternehmen in Ostafrika – oder vielleicht sogar in ganz Afrika –, das solche Holzhäuser baut. Es setzt neue Qualitätsstandards, da durch die Vorfertigung alles sehr exakt gefertigt werden kann. Die Häuser sind entsprechend heissbegehrt und verkaufen sich super. Nicht zuletzt deshalb, weil Holz eben ein ökologisches Baumaterial ist.

Was kostet denn ein solches Haus?
Die ersten Häuser haben rund 40 000 US-Dollar gekostet. Mittlerweile liegt der Preis bei 80 000 bis 100 000 US-Dollar.

Können sich das Einheimische überhaupt leisten?
Unter den Einheimischen gibt es eine wachsende Mittelschicht. Der boomende Tourismus und neue Wirtschaftszweige ziehen aber auch immer mehr ausländische Personen an, die dort dauerhaft wohnen. Dem gegenüber steht ein enormer Wohnungsmangel. Nur wenige Häuser entsprechen modernem Standard. Viele Gebäude sind seit der Revolution 1964 nicht saniert worden. Manche wurden bislang noch nicht einmal neu gestrichen. In Sansibar haben die meisten Einwohner ein sehr geringes Einkommen. Jemand, der Geld hat, fällt auf. Die Mittelschicht – vielfach Expats, Omanis und Inder – bauen aus Sorge, beraubt zu werden, hohe Mauern um ihre Häuser. Oder sie ziehen in sogenannte Communities wie «Fumba Town» (Neubaugebiet des Dorfs Fumba auf der Insel Unguja; Anm. d. Red.), für die wir die Häuser gebaut haben. Die Community ist komplett umzäunt und wird von einer Security bewacht. Innerhalb dieses Areals ist aber alles offen, Schutzmauern um die einzelnen Häuser gibt es keine.

Wie gross ist Fumba Town?
Am Ende werden es 1500 Wohneinheiten sein. Ziel ist es, dass Fumba Town eine grosse grüne Stadt wird, die nachhaltig gebaut ist, möglichst wenig Abfall produziert und nach dem Prinzip der Permakultur funktioniert. Aufgrund der riesigen Nachfrage können die Häuser aber derzeit leider nicht alle aus Holz gefertigt werden. Man kommt mit der Produktion einfach nicht mehr nach. Auf der Ostseite der Insel gibt es übrigens ein ähnliches Überbauungsprojekt. Dort haben wir dreigeschossige Häuser mit je 21 Wohneinheiten gebaut. Die Decken bestehen aus einem Holzbetonverbund, die Wände in Rahmenbauweise sind innenseitig mit Gipsplatten verkleidet.

Woher stammt das Bauholz?
Das ist leider noch der Schwachpunkt: zum Grossteil aus Deutschland.

Wieso denn?
Das liegt unter anderem daran, dass der Bedarf so hoch ist und es keine grosse Sägerei vor Ort mit entsprechendem Qualitätsstandard gibt. Zudem sind manche Materialien in Sansibar und auf dem Festland gar nicht erst verfügbar. Zum Beispiel Brettsperrholz, das wir für die mehrgeschossigen Häuser verwendet haben. Darüber hinaus sind die Holzpreise in Deutschland – trotz zusätzlicher Transportkosten! – immer noch günstiger als in Afrika. Es ist schon verrückt.

Wie schätzt du die Zukunft des Holzbaus in Tansania ein?
Noch ist die Holzindustrie nicht ausreichend ausgebaut, aber sie wächst. Und es gibt seitens mehrerer Unternehmen Bestrebungen, gemeinsam noch mehr solcher Überbauungsprojekte umzusetzen. Auch auf dem Festland in Daressalam. Dort ist sogar gerade das grösste Holzhaus der Welt in Planung, ein 28-geschossiges Gebäude. Es ist zwar erst in der Projektierungsphase, aber sie meinen es dort wirklich ernst. Ich habe schon Bilder davon gesehen. Unvorstellbar! Mit dem Projekt will man ein Zeichen setzen und den Menschen in Afrika zeigen, dass man mit Holz auch richtig hoch bauen kann. So soll auch die Holzwirtschaft angekurbelt werden.

Nun konkret zu deiner Arbeit vor Ort: Wie sind die Arbeitsabläufe in Sansibar im Vergleich zu einer Schweizer Zimmerei?
Im Grunde läuft es beim Bauunternehmen Volks.House ähnlich, alles ist sehr strukturiert. Insgesamt gibt es zwanzig Teams, die jeweils nur einen bestimmten Arbeitsschritt machen: Holz zuschneiden, hobeln, das Fundament machen, Setzschwellen setzen, aufrichten und so weiter. Alle Arbeitsschritte sind genau definiert. Jeder Arbeiter soll die zwanzig Arbeitsstationen jeweils mehrere Monate durchlaufen. Es gibt in Tansania keine Berufsbildung wie bei uns. Die meisten Arbeiter kommen aus Fischerfamilien und müssen erst angelernt werden. Für die anderen Gewerke werden Subunternehmer hinzugezogen – Maler, Gipser, Elektriker, Sanitärfachleute.

Worin liegen die grössten Unterschiede zur Arbeit in der Schweiz?
Es fehlt manchmal an gewissen Sachen. Strom zum Beispiel. Es kann passieren, dass es ein oder zwei Tage gar keinen Strom gibt. Dann musst du dich mit deiner Arbeit eben anders organisieren. Und die Hitze kann einen wirklich fertigmachen. Manchmal war es so abartig heiss, dass ich nicht mehr denken konnte. Aber auch die Regenzeit macht einem dort das Leben schwer. Zwischen März und Mai ist es fast unmöglich, etwas zu bauen. Glücklicherweise fällt die Regenzeit genau in den Ramadan, in dem die Arbeiter – fast alle sind dort Muslime – aufgrund des Wasser- und Nahrungsentzugs sowieso kaum Energie haben.

Stichwort Arbeitssicherheit: Wie sieht es denn damit in Tansania aus?
Darüber sollten wir lieber nicht sprechen. (lacht) Der Standard ist sehr niedrig.

Gibt es viele Unfälle?
Erstaunlicherweise nicht. Am Anfang meinte ich noch zu meinem Chef, dass man doch so nicht arbeiten könne. Aber irgendwann merkte ich: Das passt schon irgendwie. Viele Unfälle entstehen ja aufgrund von Hektik und Stress – aber dort lassen sich die Leute nicht stressen. Die Arbeiter kennen zudem die Standards einfach noch nicht, oder es fehlt schlichtweg an entsprechender Infrastruktur wie zum Beispiel richtige Fassadengerüste. Sie gurten sich auch nicht gerne an. Ich habe ihnen erst gezeigt, wie man die PSAgA korrekt anwendet und wie die Arbeit dadurch massiv erleichtert wird. Das Schlimmste, was dort während meiner Zeit passiert ist, war ein Sturz vom Dach, bei dem sich ein Arbeiter seinen Ellbogen zersplittert hat.

Und wie muss man sich ansonsten die Arbeitsbedingungen für die Zimmerleute in Sansibar vorstellen?
Beim Unternehmen Volks.House sind alle 120 Mitarbeitenden fest angestellt. Das ist aber etwas Besonderes. Normalerweise sind die Leute, die auf dem Bau arbeiten, nur Tagelöhner. Bei Volks.House bekommen sie nicht nur einen sicheren und festen Lohn, sondern haben auch eine Pensions- und Krankenkasse. Und sie haben Anspruch auf Urlaub.

Wie sehen deine weiteren Pläne aus? Wirst du eventuell sogar nochmal nach Tansania zurückkehren?
Wer weiss. Vielleicht, wenn das Holzhaus in Daressalam gebaut wird. Womöglich baut das am Ende noch eine Schweizer Firma … (lacht)




OLIVER WETZEL

1992 geboren, absolvierte Oliver Wetzel zunächst eine Lehre als Zimmermann und später ein Studium als Techniker HF Holzbautechnik in Biel. Von 2016 bis 2020 war er bei HOLZBAU SCHWEIZ als Sachbearbeiter im Bereich Bildung tätig. Während dieser Zeit arbeitete er drei Monate lang in Sri Lanka und baute unter anderem einen Dachstuhl für ein Kinderheim. Nach seiner Bürotätigkeit für Holzbau Schweiz zog es ihn zurück ins Handwerk. 2021 lockte ein Jobangebot des Unternehmens Volks.House (siehe Textblock unten) nach Sansibar in Ostafrika. Dort übernahm er als Holzbautechniker die Planung und Bauleitung für Holzhäuser in Modulbauweise. Seit 2022 arbeitet Oliver Wetzel in der Zimmerei und Schreinerei Peterhans, Schibli & Co. AG, in der er bereits seine Lehre machte.

Oliver Wetzel (links) mit Ali, Raya und Michael von Volks.House in Tansania

VOLKS.HOUSE LTD.

Das Bauunternehmen Volks.House mit Sitz in Fumba (Sansibar) hat sich auf moderne und hochwertige Fertighäuser in Holzbauweise spezialisiert. Gegründet wurde es vom Deutschen Holzbauingenieur Thomas Just, der zuvor zehn Jahre lang für den Verein Grünhelme (deutsche Hilfsorganisation, die zusammen mit Menschen christlichen und muslimischen Glaubens soziale, kulturelle und religiöse Einrichtungen in Krisengebieten baut beziehungsweise wiederaufbaut) tätig war. Das Unternehmen Volks.House beschäftigt einheimische Handwerker und Ingenieure, die von deutschen Ingenieuren aus der Fertighausbranche geschult werden.

volks.house /fumba.town

Das Interview ist erschienen im Magazin Wir Holzbauer (Ausgabe 5.2022)