Verzögerung und Mehrkosten: Der Campus Biel/Bienne wird frühestens im Herbst 2023 eröffnet – ein Jahr später als ursprünglich geplant. Das teilte die Berner Bau-, Verkehrs- und Energiedirektion am 18. September 2019 mit. Zur Verzögerung führe ein laufenden Rechtsstreit. Ein weiterer Grund sind laut Medienmitteilung auch die eingegangenen Offerten, die sich nicht im Kostenrahmen des Kantons bewegen sollen. Die Initiative Holz / Be weist jegliches Verschulden seitens der Holzbranche von sich. Eine unabhängige Expertise soll nun das Ausschreibungsverfahren überprüfen.

Am 18. September teilte die Bau-, Verkehrs- und Energiedirektion des Kanton Berns mit, dass der Campus Biel/Bienne später als erwartet erst frühestens Herbst 2023 eröffnen wird. Und nennt auch die Gründe: «Eine Verzögerung des Baustarts des Campus Biel/Bienne hat sich bereits aufgrund des Rechtsstreites mit einem Anstösser abgezeichnet. Ein zweiter Grund für die Verzögerung ist die Tatsache, dass das Amt für Grundstücke und Gebäude des Kantons Bern (AGG) die Totalunternehmer-Ausschreibung abbrechen musste. Die eingegangenen Offerten bewegen sich nicht im vorgesehenen Kostenrahmen des Kantons. Nun muss die Inbetriebnahme definitiv um mindestens ein Jahr verschoben werden.

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Das AGG stellte im Rahmen einer ersten Analyse mehrere Hauptfaktoren für die Differenzen zwischen den Vorstellungen des Kantons und der Totalunternehmen (TU) fest. Dazu gehören die Einzigartigkeit des Projektes in Bezug auf Grösse und Komplexität, die hohen Anforderungen an den Holzbau und somit an die Schweizer Holzbranche, die definierten Rahmenbedingungen betreffend Terminvorgaben, Ausschreibungsbestimmungen und vertraglichen Bedingungen sowie die momentanen Unsicherheiten im Bewilligungsverfahren.» (Quelle: Bau-, Verkehrs- und Energiedirektion des Kantons Bern, Medienmitteilung vom 18. September 2019)

Initiative Holz | BE:
An der Holzbauweise liegt es nicht

Dagegen wehrt sich nun die Organisation Initiative Holz | BE, die kantonale Interessen der Berner Wald- und Holzwirtschaft vertritt. Die Holzbranche begrüsse den sorgfältigen Umgang mit Steuergeldern. Die Initiative Holz | BE befürchte, es könnte der Eindruck entstehen, dass unter anderem die Holzbauweise für Mehrkosten und Verzögerungen verantwortlich sei.

Dem sei aber nicht so: «Die Holzbranche hat sich für dieses Leuchtturmprojekt engagiert und wird das auch weiter tun. Der Grosse Rat hat am 08. Juni 2017 beschlossen, den neuen BFH Campus Biel für 233.5 Millionen Franken aus Berner Holz zu erstellen. Die Holzbranche hat Vorschläge für die Materialbeschaffung sowie für die Verarbeitungskette erarbeitet, die teilweise in die Ausschreibung mit eingeflossen sind. Damit konnte trotz Ausschreibung nach GATT-WTO eine schlanke, kostengünstige inhouse-Beschaffung erreicht werden.» (Quelle: Initiative Holz | BE, Medienmitteilung vom 19. September 2019)

 

Die Berner Fachhochschule BFH ist 1997 aus dem Zusammenschluss von 12 einzelnen Hochschulen gegründet worden. Der organisatorische Auf- und Umbauprozess der letzten Jahre konnte nur teilweise auf die räumlichen Strukturen übertragen werden. Deshalb ist die BFH heute immer noch an rund 26 Standorten in den Agglomerationen Bern, Biel und Burgdorf untergebracht. Viele Gebäude weisen für den heutigen FH-Betrieb überalterte, unflexible und unwirtschaftliche Strukturen auf.

(Quelle: Projektgeschichte, Campus Biel/Bienne)

Februar 2011
Der Regierungsrates des Kantons Bern beschliesst, in einer ersten Etappe die beiden Departemente Technik und Informatik sowie Architektur, Holz und Bau in einen neuen Campus Biel/Bienne zu konzentrieren.

März 2012
Der Grosse Rat gibt mit den Planungserklärungen grünes Licht für die nächsten Projektschritte.

März 2014
Der Regierungsrat beantragt beim Grossen Rat  einen Projektierungskredit von 24,5 Millionen Franken.

Juni 2014
Mit 144:0 Stimmen verabschiedet das bernische Parlament den Projektierungskredit von 24,5 Mio Franken für den Campus Biel/Bienne.

Dezember 2014
Das Amt für Grundstücke und Gebäude schreibt den Projektwettbewerb öffentlich aus.

bis Mitte 2015

Durchführung Projektwettbewerb, Vorbereitung Projektierungsphase.

bis Ende 2016
Vor-, Bauprojekt und Kostenvoranschlag.

Juni 2017
Grossratsbeschluss Ausführungskredit.

Dezember 2017
Bauprojekt mit rev. Kostenvorschlag.

Anfang 2018
Aushubarbeiten und archäologische Grabungen.

März 2018
Offizieller Spatenstich

August 2018
TU-Ausschreibung.

Sommer 2019
Offizieller Baubeginn.

voraussichtlich Herbst 2023
Beginn Hochschulbetrieb.

(Quelle: Meilensteine, Campus Biel/Bienne)

Einsprachen und politisches Kräftemessen:
Mögliche Gründe für die Verzögerung?

Laut Initiative Holz | BE liegen die Gründe für die Verzögerungen vor allem durch die Einsprache eines Anstössers, die über verschiedene Instanzen weitergezogen wurde.

Für die Mehrkosten sieht die Organisation andere in der Verantwortung: «Die Mehrkosten haben verschiedene Ursachen, sind vor allem aber ein Abbild des Kräftemessens zwischen Nutzer (BFH), Planer (Architekten), Leistungserbringer (Totalunternehmer) und Bezahler (Kanton). Der Endbetrag ist bekannt, das Bauprojekt auch. Die vorliegende Situation ist ein Akt der Hilflosigkeit und rückt den Regierungsrat in ein schlechtes Licht. Expertenrunden bringen ausser zusätzlichen Kosten und Verzögerungen wenig. Wenn laufend neue Wünsche von allen Seiten einfliessen, liegt es am Regierungsrat, dem Treiben Einhalt zu gebieten und das bestellte Projekt unter Einhaltung der bestellten Qualität, Termin und Kosten durchzusetzen.» (Quelle: Initiative Holz | BE, Medienmitteilung vom 19. September 2019)

Unabhängige Kommission soll Ausschreibungsverfahren prüfen

Im Auftrag des Amt für Grundstücke und Gebäude des Kantons Bern (AGG) soll nun eine unabhängige Expertise das Ausschreibungsverfahren prüfen. Das AGG sei zuversichtlich, dass in einer zweiten Runde wirtschaftlich bessere Angebote eingehen werden:«Ziel ist es, haushälterisch mit den gesprochenen Kantonsgeldern umzugehen, ohne qualitative Einbussen am Projekt in Kauf zu nehmen. Das von der Berner Fachhochschule (BFH) bestellte Raumprogramm soll wie geplant umgesetzt werden.» (PD/^SD)